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Der Hörer zur anderen Seite

Leonard musterte das Gebäude mit Neugier. Es fiel ihm schon eine Weile auf, immer wenn er auf dem Weg zur Arbeit war, oder von ihr nach hause kam fiel ihm das alte Gebäude ins Auge. Wobei alt vermutlich übertrieben wäre, es sah relativ gut erhalten aus, jedoch machten sich Spuren bemerkbar die darauf hindeuteten das seit 30 Jahren dort keiner mehr gelebt hatte. Dennoch wurde es von außen gepflegt. Vermutlich war es also das Haus eines alten Pärchens gewesen die verstorben waren, und nun hatte es ihr Kind geerbt das aber wo ganz anders wohnte und nur das nötigste an Geld in das Haus investierte.
Doch an diesem Tag war etwas anders an dem alten Appartment. Ein Schild hing groß vor dem Tor das in den kleinen Garten vor dem Haus führte. “ZU VERKAUFEN” stand in großen, fetten Buchstaben auf dem Schild, darunter eine Telefonnummer. Und genau diese Telefonnummer hatte er gestern angerufen um einen Termin für eine Besichtigung des Hauses auszumachen, und der Preis? 500.000€

“Seit wann wird dieses Haus nicht mehr bewohnt?”, fragt Leonard und schaut aus dem Fenster des heruntergekommenen Hauses in den Garten.
“1947 verstarb Katarina Sybell im Alter von 89 Jahren, mit ihr starb der letzte Bewohner dieses Anwesens, sie hatte keine Kinder oder sonstige Verwandte und so wanderte das Haus in Besitz der Gemeinde. Diese verkaufte es an meinen Vater, wir zogen hier jedoch nie ein und jetzt, nach seinem Tod ging es an mich, ich möchte dieses Haus jedoch nicht weshalb ich es verkaufe.”, antwortete der Familienvater. Unter seinen Augen konnte man deutlich die schlaflosen letzten Nächte erkennen, er hatte mehr Probleme als einen verstorbenen Vater und ein Haus das eine menge Geld kostete das er nicht besaß, das erkannte Leonard direkt. Doch Leonard fragte nicht nach, ihn interessierten die Angelegenheiten des Mannes nicht, er interessierte sich nur für dieses Haus.
“Hier muss einiges gemacht werden.”, merkte Leonard an und musterte die Wände von denen sich die Tapete schon abrollte. Der Familienvater nickte nur als Antwort.
“Wie viel möchten sie für dieses Anwesen?”, fragte Leonard mit interessiertem Blick. Das ganze Haus war noch mit verstaubten Möbeln zugestellt, so würde es gewiss keiner kaufen. Leonard lächelte leicht, bei diesem Haus würde er wohl kaum andere Interessenten überbieten müssen.
“500.000”, sagte der Verkäufer Leonard beobachtend. Leonard wendete sich dem Vater zu und musterte ihn.
“Das Haus ist sehr heruntergekommen, ich muss viel Geld in den Aufbau stecken wenn ich es kaufe.”
“Es hat zwei Bäder, vier Schlafgemächer, dazu Keller, Dachboden und Garten.”, gab der Vater zurück, er wusste direkt dass Leonard versuchte den Preis herab zu handeln. Leonard dachte nach.
“Ich schaue mich nochmal in Ruhe um, wenn es in Ordnung ist?”, fragte er dann den Familienvater dessen Antwort ein loses Nicken war.
“Ich warte draußen”, mit diesen Worten verließ der Händler auch schon den Raum. Leonard blickte ihm hinter her und musterte dann das Zimmer. Eine komplette Kücheneinrichtung war vorhanden, wieso hatte die Gemeinde an diesem Haus nichts gemacht? Leonard kam das alles etwas suspekt vor, aber was sollte es, er würde alles neu machen lassen, das Geld hatte er schließlich. Dann würden er, seine Frau und ihr 11 Jähriger Junge ein neues schönes Haus besitzen und bewohnen. Er ging durch die offene Tür ins Nebenzimmer, das Wohnzimmer. Leonards Blicke schweiften umher und er strich sich durch seine schwarzen, frisierten Haare. Er ging zu dem Fenster und schaute was man von hier aus sehen konnte. Wie schon in der Küche hatte man auch hier einen wundervollen Blick auf den Garten. Er drehte sich wieder um und musterte die alten, aber dennoch recht gut erhaltenen Möbel. Das dunkle Holz war so gar nicht sein Stil, aber er würde es ja verkaufen oder entsorgen können. Ein komplett eingestaubter Sessel stand in der einen Ecke des Raumes davor ein kleiner Holztisch und links daneben eine Kommode auf der ein altes Telefon stand. Er schätzte das es etwa von 1930 sein musste, es hatte eine klassische Drehscheibe zum Wählen der Ziffern, und auch dieses Telefon war von einer Staubschicht überzogen. Er atmete laut aus und öffnete die Tür vom Wohnzimmer ins Badezimmer. Es war mittelgroß, ausgestattet mit einer Badewanne die man erneuern lassen müssen würde, Dusche, Toilette und einem Waschbecken. Leonard fuhr sich erneut durch die Haare, er überlegte. Es würde sich lohnen dieses Haus zu kaufen. Im Grunde war es wirklich billig wenn man mit in Betracht zog wie viel Geld alleine die alten Möbel einbringen konnten. Er könnte sein anderes haus, das sich mitten in der Stadt befand vermieten und würde damit sicher gut Geld einnehmen, es wäre…

RING RING RING. Leonard drehte sich ruckartig aus seinen Gedanken gerissen um. RING RING RING. Er verließ das Bad schnellen Fußes wieder. Was klingelte da? Sein Handy hatte einen ganz anderen Klingelton und befand sich zudem auf Vibration geschaltet in seiner Jackentasche. Dieses Klingeln kam ihm nicht bekannt vor. Er schloss die Badezimmertür mit suchenden Augen. Da fiel sein Blick auf den alten Apparat auf der Kommode. Das verstaubte Telefon. Leonard runzelte die Stirn. Wer würde ausgerechnet jetzt anrufen? Wieso war überhaupt noch Strom vorhanden? Er schüttelte den Kopf. Es hatte aufgehört zu klingeln. Seufzend ging Leonard zur offenen Tür Richtung Küche, er wollte gerade hindurch da drang erneut das klingeln in seine Ohren. RING RING RING. Leonard wendete sich ein zweites mal um und ging langsam auf den Hörer zu. Seine Hände griffen den mit einem Ringkabel zum Apparat verbundenen Hörer und er hob ab.
“Hallo?”, fragte er abwartend, seinen Namen wollte er nicht direkt sagen.
“Hallo, wer ist am Apparat?”, klang die Stimme eines älteren Herren durch die Leitung zu ihm hindurch.
“Leonard Ricard.”, gab er zurück.
“Könnten sie mir bitte Katharina geben?”, fragte der ältere Herr. In Leonards Kopf ratterte etwas. Katharina…diesen Namen hatte er eben erst gehört, aber…
“Hier wohnt keine Katharina, das Haus wird zur Zeit gar nicht bewohnt. Ich bin ein Interessent der dieses Appartment gerne kaufen würde.”, erklärte Leonard und glaubte ein leises Lachen am anderen Ende der Leitung zu hören.
“Junger Mann, bitte ärgern sie einen älteren Herren wie mich nicht.”, wieder ein freundliches Lachen. “Ich muss mit Katharina Sybell sprechen. Reichen sie sie mir nun bitte weiter?”, bat der Herr erneut. Da tat sich etwas in Leonards Kopf, er erinnerte sich. Katharina Sybell war die Bewohnerin dieses Hauses gewesen die schon 1947 verstarb.
“Es tut mir Leid…aber Katharina Sybell ist tot und das schon seit einer langen Zeit…”, Leonard kam das Gespräch auf einmal sehr suspekt vor.
“Katharina Sybell ist nicht tot. Ich habe mich gestern noch mit ihr unterhalten, Junger Mann, bitte!”, sagte der Herr nun etwas ernster.
“Verstehen sie bitte, dieses Haus ist nicht mir, mir wurde erzählt das es einer Katharina Sybell gehörte die verstorben sei, vielleicht hat sie ja eine Nachfahrin von der sie reden? Ich werde mit dem jetzigen Besitzer reden, wenn sie mir ihren Namen sagen sagt es ihm vielleicht etwas?”, schlug Leonard vor. Kurz lag eine Stille zwischen den beiden Hörern.
“Ja fragen sie ruhig Katharinas Mann…”, Leonard meinte leichten Spott mit heraus zu hören doch er wartete ruhig ab. “Ich heiße Hermann Müller, richten sie Katharina und ihrem Mann bitte liebe Grüße aus und schicken sie sie an meinem Haus vorbei, sie kann sich das Paket auch einfach selbst abholen wenn Annabel es nicht mitnehmen möchte.”
“Was ist denn ihre Adresse?”, fragte Leonard sichtlich verwirrt von dem Gespräch, dennoch behielt er seine Höflichkeit bei.
“Friedrichsstraße 22, es ist nur ein paar Straßen hinter Katharinas Haus, aber das weiß sie ja.”, Leonard zog sein Handy aus der Tasche und tippte die Adresse schnell als Memo ein. Gespeichert.
“Danke, ich werde dem Hausbesitzer Bescheid geben.”, Leonard wartete ob der Herr darauf etwas sagen würde doch man hörte nur ein Murren und dann legte der ältere Herr auf. Leonard schüttelte den Kopf und legte den Hörer ebenfalls zurück. Seine Gedanken kreisten um das Gespräch. Er verließ mit nachdenklichem Gesicht das Haus und trat zu dem Verkäufer der seinen Blick gerade erst vom Handy hob. Ein distanziertes Lächeln zierte das Gesicht des Familienvaters und er sah Leonard prüfend an.
“Ein Hermann Müller hat auf diesem alten Telefon-Apparat im Wohnzimmer angerufen und nach Katharina Sybell gefragt..sie meinten doch die gute Frau wäre verstorben? Hat sie eine Nachfahrin mit dem gleichen Namen?”, Leonards Blick ruhte in dem Gesicht des Verkäufers das sich langsam in eine fragende Miene zu verwandeln schien.
“Katharina Sybell ist ohne jegliche Erben gestorben, das sagte ich doch, aber..was meinen sie für ein Telefon..?”, der Händler sah Leonard prüfend an.
“Das Telefon im Wohnzimmer, dieses alte Ding mit der Drehscheibe”
“Herr Ricard, im Wohnzimmer gibt es kein Telefon – und auch sonst gibt es keinerlei Telefone im Haus..”, der Vater sah nun fast etwas mitleidig zu Leonard herüber.
“Hah-ja richtig.”, verlegen kratzte er sich hinter seinem Ohr. Innerlich brodelte es nur so in seinem Gehirn. Wollte dieser arme Mann ihn für dumm verkaufen? Der Familienvater sah jedoch nicht aus als würde er lügen, besorgten Ausdruckes musterte er Leonard.
“Ich werde für heute nach Hause fahren. Morgen erhalten sie einen Anruf von mir mit meinem letzt endlichen Beschluss zu dem Kauf des Appartments”, Er gab den Verkäufer seine Hand, die beiden verabschiedeten sich kurz und dann ging Leonard mit seinen schwarzen Stiefeln über den Steinweg zur Straße und von dort zu seinem Auto. Was für eine bizarre Situation war ihm da bloß widerfahren?

Unruhig tippten seine Finger auf das Lenkrad seines neuen Mercedes. Er hatte seit diesem merkwürdigen Telefonat in dem zum Verkauf gestellten Haus ein seltsames Gefühl im Brustkorb, schließlich hatte er das Telefon doch deutlich gesehen, er hatte es in der Hand gehabt und hinein gesprochen. Leonard hatte sogar eine Antwort von der anderen Seite der Leitung bekommen, es konnte keine Einbildung sein, das war einfach nicht möglich. Oder spann er wohl möglich doch einfach und das alles hatte nicht stattgefunden? Sein Blick huschte zu seiner Armbanduhr. 16:12 zeigte diese. Als er seine Augen wieder auf die Straße richtete sah er ein Straßenschild wenige Meter vor ihm: Friedrichsstraße
Er überlegte nicht lange und drehte das Lenkrad um und bog in die Seitenstraße ab. Langsam fuhr er um alle Hausnummern lesen zu können. 1, 2, 3 … Leonard fasste kurzfristig den Entschluss bei dem älteren Herren vorbei zu schauen. Er musste einfach einen Beweis haben das er nicht gesponnen hatte. Er musste einen Beweis haben das dieses Telefonat wirklich statt gefunden hatte, das es dieses Telefon überhaupt erst wirklich gab. 16, 17, 18 … Der Verkäufer hatte das Telefon vielleicht einfach selbst übersehen, vermutlich hatte er aufgrund der Größe des Hauses einfach nicht an den alten Telefon-Apparat gedacht. 20, 21, 22.
Leonard schloss die Autotür mit leichtem Schwung und trat vor den Zaun der etwa 3 Meter vor der Tür ins Haus den Vorgarten abgrenzte. Das Haus schien ein Ein-Familien Haus zu sein. Es war glänzend weiß und schien als wäre es erst frisch renoviert worden. Er blickte zu der vergoldeten Ziffer die neben der Tür hing. Es war die 22. Er befand sich vor dem Haus des älteren Herren. Oder?
Leonard drückte die Klingel, er stand unruhig hin und her wippend vor dem niedrigen Zaun. Es dauerte ein paar Sekunden bis eine Brünette Ende 20 die Tür öffnete, auf ihrem Arm hielt sie ein Baby das noch kaum Haare auf dem Kopf hatte. Ihr Gesichtsausdruck war gestresst und dennoch glücklich.
“Guten Tag?”, sprach sie freundlich und trat vor das Haus an den Zaun heran.
“Mein Name ist Leonard Ricard und ich bin auf der Suche nach einem Hermann Müller. Er gab mir diese Adresse.” Die junge Frau sah etwas perplex aus und schien zu überlegen, dann schüttelte sie ihren Kopf.
“Hier lebt kein Hermann Müller. Wir sind vor einigen Monaten erst hier eingezogen und kennen die Gegend noch nicht allzu gut, vielleicht in einer anderen Straße in der Nähe..?”
“Ja, vielleicht..”, Leonard schwieg und sah das kleine Kind an das den Blick aus großen, unwissenden und friedlichen Augen erwiderte. Dann wendete er sich ab. “Gut, entschuldigen sie die Störung, und ihnen alles Gute mit ihrem Kind.”, er lächelte noch friedlich und nickte der Frau höflich zu. Dann trat er ein paar Schritte zurück als wolle er gehen. Da kam gerade eine Postbotin älteren Alters mit einer Tasche Briefe auf ihn zu. Leonard ging Richtung seines Autos, doch kaum war die Tür des Hauses hinter der Mutter ins Schloss gefallen trat er nochmal vor den Zaun und musterte verwirrt das Anwesen. Wie konnte das sein? Hier musste ihm jemand einen gehörigen Streich spielen!
“Guten Tag, Herr, kann ich ihnen Helfen?”, fragte die Postbotin lächelnd und blieb vor ihm stehen. Sie musste seinen fragenden und Hilfe suchenden Blick bemerkt haben.
“Ach nein, hat sich schon erledigt, ich suche nur jemanden..”, gab er Gedankenverloren zurück.
“Als hätte es sich erledigt sehen sie aber nicht aus!”, sie lachte freundlich und stemmte eine Hand in die Hüfte. “Na sagen sie schon. Ich bin Postbotin, ich kenne mich hier besser aus als irgendwer sonst. Wenn ihnen jemand helfen kann, dann ja wohl ich!”
“Stimmt.”, er lachte leicht und sah sie neue Hoffnung schöpfend an. “Wohnt in dieser Straße zufällig ein Hermann Müller..?”, er sah sie eindringlich an. Ihre Augen schienen sich in just dem Moment wo er den Namen erwähnte zu verfinstern, auch wenn ihr restlicher Ausdruck freundlich blieb.
“Nein.”, sagte sie nach einigen stillen Sekunden. “In diesem Haus allerdings”, sie deutete auf das Haus vor dem sie standen, “wohnte vor längerem ein Hermann Müller. Er verstarb jedoch vor einigen Jahren.” Leonard starrte das Haus wie zu Eis erfroren an. Er spürte die prüfenden Blicke der Postbotin auf sich. Ihre Augen waren bei der Erwähnung des Namens Hermann Müller plötzlich seltsam Finster geworden.
“Es..es..Verzeihung..ich habe mich wohl ver-vertan..”, Leonard ging unsicheren Fußes Zurück zu seinem Auto. Schnell stieg er ein und blickte durch das Fenster zu der Postbotin die ihn gespielt besorgt beobachtete.
“Geht es ihnen gut?”, fragte sie und beugte sich zu dem Fenster hinab, ihre düsteren Augen mit dem süßlich lächelndem Mund kombiniert ließen Leonard das Blut in den Adern gefrieren. In was war er da bloß hinein geraten? Seine Blicke wanderten von dem bedrohlich-freundlichen Gesicht der Postbotin langsam hinab zu dem Namensschild das an ihrer Jacke, links über der Brust befestigt war hinab. “Annabel Kirsten”, stand in schwarzen Buchstaben darauf. Leonard viel ruckartig wieder ein das Hermann am Telefon doch eine Annabel und ein Päckchen erwähnte. Er schaltete des Auto an und fuhr so schnell wie noch nie in seinem Leben zuvor los. Die Postbotin sah ihm mit finsterem, ausdruckslosem Gesicht hinter her.
Der Verkäufer würde am nächsten Morgen keinen Anruf von Leonard Ricard erhalten und auch in den nächsten Tagen würde er sich nicht melden.

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