Written

Warme Hände

Ruhig, noch schlaftrunken, schlage ich die Augen auf und schaue zu dem Wecker der auf meinem Nachttisch steht. In roten Zahlen leuchtet die Uhrzeit auf dem schwarzen Hintergrund. 03:21. Verschlafen strecke ich meine Beine von mir und meine Arme über meinem Kopf aus bis sie an die Wand über mir treffen. Ich hab noch ein paar Stunden bis der Wecker klingelt und mich in den Alltag zieht. Leise seufze ich und ziehe meine Arme wieder unter die warme Decke die sich um meinen Körper schmiegt. Ich schließe wieder die Augen und gähne leise, da höre ich ein leises rascheln hinter mir. Doch es ist nur mein Ehemann George. Wir sind erst vor einigen Wochen in dieses moderne Haus mitten in Berlin gezogen, er hat ein super Jobangebot bekommen und auch ich verdiene gut. Wir sind seit zwei Jahren verheiratet und ich bin im 5. Monat schwanger, unser Eheleben könnte wohl kaum besser aussehen.

Ein Lächeln schleicht sich in mein Gesicht als ich seine warme, beruhigende Hand an meiner Schläfe spüre. Sanft fahren seine Finger über mein Gesicht und durch meine braunen, langen Haare. Ich schmiege mich an ihn und lausche der Stille. Es ist seltsam still. Etwas an dieser Stille verwundert mich, kommt mir merkwürdig vor, doch ich weiß nicht was es ist. Ich recke meinen Hals etwas zur Seite als seine Hand langsam hinab wandert, lehne meinen Nacken etwas zurück und atme entspannt. Tief atme ich durch die Nase ein und nehme den vertrauten Geruch meines zuhauses war, unseres zuhauses. Alles hier scheint mir so vertraut, aber irgendwas kommt mir dennoch merkwürdig vor, nur kann ich nicht sagen was. Seine Hand wandert wieder langsam und in kreisenden Bewegungen meinen Hals, über mein linkes Ohr zu meinen Haaren hinauf. Sein Zeigefinger und sein Daumen greifen sich zart eine meiner dunklen Haar-Strähnen und er lässt sie durch seine Finger gleiten, ich muss kurz leise lachen als die Strähne mir dann ins Gesicht fällt und mich kitzelt.
“Das kitzelt!”, flüstere ich leise. Er antwortet nicht, stattdessen lässt er seine Hand über meinen Oberarm streichen, sie meine Seite hinab wandern um sie schließlich auf meinem Babybauch ruhen zu lassen. Seine warme Hand liegt schützend auf meinem Bauch in dem sich unser Kind entwickelt. Ich lächle wieder leicht und merke wie sich mein Körper noch weiter zu entspannen scheint.

Ich liege einfach nur da, völlig in meinen Gedanken, seine Hand auf meinem Bauch und – Stille. Wenn keiner redet ist es doch völlig normal das es still ist, oder? Ja, eigentlich schon, aber etwas, und ich weiß beim besten Willen immer noch nicht was es ist, beunruhigt mich. Etwas stimmt nicht, und mit einem mal wird mir klar was nicht stimmt. Er atmet nicht. Ich spüre nicht den warmen Atem von George in meinem Nacken, ich höre nicht das leise ein und aus lassen der Luft. Und ich weiß genau das es sonst so ist. Aber heute, heute spüre ich den Atem nicht, ich höre ihn nicht. Ich weiß einfach instinktiv das er nicht das ist. Wieso hat George nichts erwidert als ich “das kitzelt” gesagt habe? Das ist so gar nicht seine Art, er hätte gelacht. Und wieso fühlten sich diese warmen Hände die dort auf meinem Bauch ruhten auf einmal so fremd und bedrohlich an? Es war ganz einfach, es waren nicht Georgs Hände die dort auf meinem Körper lagen.

Panik stieg in mir auf. Die brennende Kälte schien förmlich von meinem Kopf in jede Faser meines Körpers zu wandern. Ich spürte wie sich mein Puls beschleunigte, mein Herz schneller klopfte. Man konnte es hören, ich konnte es hören. Ich atmete bemüht leise und ruhig, ich traute mich nicht mich zu bewegen. Ich wusste nicht wer oder was da hinter mir lag aber mein Instinkt sagte mir ich solle mich bloß nicht bewegen, also leistete ich dem Folge. Meine Augen zusammen gekniffen versuchte ich mich zu beruhigen, doch es war mir einfach nicht möglich. Die Hand auf meinem Bauch begann nun leicht gegen die gewölbte Haut zu tippen, dann wanderte sie wieder über meine Seite hinauf. Ein Schauer durchfuhr mich als sie leicht die Wölbung meiner Brust streifte. Sie bewegte sich weiter nach oben, über meinen Oberarm zu meiner Schulter. Dort blieb sie kurz liegen und ich biss die Zähne zusammen mich nicht zu bewegen. Mein ganzes Gesicht war angespannt und doch schaffte ich es den Rest meines Körpers ruhig zu halten. Ich wartete. Mein Herzschlag pochte mir in den Ohren. Eine Stille lag in diesem Raum. Es war jene Stille, die schien als könne sie einem das Trommelfell zerreißen. Ich spürte wie die Finger über mein Ohr tippten und leicht über meine Wange streiften, Zeige- und Mittelfinger wurden auf meine Augen gelegt und ich gab mir Mühe meine Anspannungen gehen zu lassen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis die Hand wieder aus meinem Gesicht geführt wurde. Ich konnte die Zeit nicht zählen, ich wollte die Augen nicht mehr öffnen um auf die Uhr zu sehen, aber es kam mir vor wie Stunden die ich hier nun schon lag.

Irgendwann wagte ich es meine Augen langsam zu öffnen. Meine Blicke wanderten umher, es war nichts zu sehen. Ich atmete einige male ruhig ein und aus, dann setzte ich mich auf und drehte ganz langsam meinen Kopf. Ich blickte über meine Schulter auf die andere Bett Seite. Es war niemand da. Verwirrt, und ohne jegliche Erklärung griff ich mit leicht zitternden Händen mein Handy das auf dem Nachttisch lag um George zu schreiben. Da sah ich das ich noch eine neue Nachricht hatte. George hatte mir geschrieben.

“Hey Schatz, hat heute auf der Arbeit länger gedauert, komme heute nicht mehr nach Hause, übernachte im Hotel neben der Firma. Bis morgen, und Schlaf gut. Hab dich lieb”, ein Kuss-Emoji und ein Herz das war´s. Geschickt hatte er die Nachricht gestern um 23:47, da hatte ich schon geschlafen. Er war also gar nicht nach Hause gekommen? Ich drehte mich nochmal um und blicke auf das leere Bett, ich starrte fassungslos das weiße Laken an. Wessen Hand war es die mich nachts berührt hatte? Und wessen Hand war es… -mein Atem beschleunigte sich erneut und ich wagte es nicht mich umzudrehen- die sich jetzt gerade, in diesem Moment, von hinten langsam auf meine Schulter legte?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.