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Frieda

Lina folgte dieser endlosen Straße die immer nur gerade aus führte nun schon seit über eine Stunde. Unruhig tippten ihre Finger gegen das Lenkrad. Seufzend starrte sie erneut aus dem Fenster des Wagens und blickte nur in die Endlose Öde. Kein Baum, kein Motel, kein Straßenschild, kein Lebewesen, keine Abfahrt, keine Felder, nicht mal ein anderes Auto. Tina hatte ja gesagt das sie in einem abgelegenen Kaff leben würde das nicht mal das Navi abgespeichert hatte, aber so abgelegen, das hatte Lina nicht gedacht. Ein Wunder das Tina dort überhaupt Internet hatte. Aber zum Glück hatte Tina Internet, denn so lernten sie sich kennen. Lina hatte Tina vor etwa zwei Jahren auf einer Website für Fotografie kennengelernt, sie waren beide Hobbyfotografinnen und verstanden sich direkt gut. Jetzt wollten sie sich zum ersten mal treffen und einen Mädelsabend machen. Doch Lina verlor langsam die Geduld und um ehrlich zu sein war ihr auch etwas mulmig geworden. In dieser Öde war das ja kein Wunder. Es ging einen Berg hinauf. Endlich! Vielleicht würde dahinter dieses verdammte Ort liegen. Lina drückte noch etwas tiefer ins Gaspedal und tatsächlich, auf der Spitze des Bergs ragten vier Spitzen auf, doch es waren Spitzen von Tannen. Riesigen großen Nadelbäumen die mächtig empor ragten. Kein Ort, aber immerhin mal etwas Leben. Als sie oben vor den Tannen anhielt entdeckte sie das es noch mehr waren, sie bildeten eine Art Wand, an einer Stelle gab es ein rostiges Tor. Lina hielt vor dem Tor an und stieg aus dem Auto, sie verschloss das Auto mit einem Klick auf den Autoschlüssel und wendete sich dann dem Tor zu. Mit sicheren Schritten ging sie auf es zu und blickte durch die rostigen ehemals verzierten Gitterstäbe hindurch. Vor ihren Augen lag ein Friedhof der riesig zu sein schien. Die Gräber sahen bereits alt aus, ungepflegt wucherte das Unkraut umher und einige der Grabsteine waren zerfallen. Alles in allem sah der Friedhof aus wie einer von diesen in Horrorfilmen. Sie wendete sich von dem Tor ab und ließ ihren Blick stattdessen über den Horizont wandern, doch auch jetzt wo sie auf dem Berg war sah sie keinen Ort, weitere Bäume oder ein Straßenschild von oben. Also schaute sie wieder zu dem Friedhof. Hier musste es doch irgendwo noch Leben geben. Wer baute schließlich einen Friedhof irgendwo hin? Obwohl, Lina erinnerte sich das sie in Geschichte während ihrer Schulzeit gelernt hatte das Friedhöfe aufgrund der Pest oft weiter abseits gebaut worden waren. Aber soweit? Sie nahm eine Bewegung an der Seite durch die Gitterstäbe war. Schnell drehte sie ihren Kopf etwas nach links um zu schauen was sich auf dem Friedhof bewegt hatte. Sie erkannte eine alte Frau. Die Frau trug eine rostige Gießkanne aus Metall in der Hand und goss Blumen auf einem Grab. Rote frische Rosen. Etwas an dem Grab irritierte sie. Lina kniff die Augen zusammen da merkte sie was ihr so komisch vorkam. Eben hatte sie dieses Grab noch nicht gesehen, alle anderen Gräber schienen veraltet, keine Farbe, nur Grau und zerfallen. Aber dieses eine Grab…es wirkte neu. Wie eine Bettdecke überzogen schöne leuchtend dunkle rote Rosen das Grab, der hohe Stein dahinter war schön gemeißelt worden, was hinein gehauen wurde konnte Lina allerdings nicht lesen, aber das war auch egal. Hier war eine lebende Frau. Sie musste ja irgendwo her kommen. Also musste ein Wohnort in der Nähe sein, da kein Auto hier stand, außer Linas natürlich und eine alte Frau wie sie wahrscheinlich nicht in der Lage war ewig weit zu laufen musste also ganz in der Nähe ein Wohnort sein. Lina drückte die rostige Klinke des Tors herunter und es öffnete sich mit einem quietschen. Sie trat ein und lief zielstrebig an den Gräbern vorbei auf die Frau zu. „Hallo“, sagte Lina und hielt mit höflichem Lächeln neben der alten Frau an. Die alte Frau drehte ihren Kopf zu Lina und lächelte sie herzlich an. „Hallo, Kind.“ Lina war kein Kind mehr, sie wurde bald 24 Jahre alt, aber so waren ältere Leute nun mal, zumindest war sie freundlich und fühlte sich nicht gestört. „Ich bin Lina, wissen sie wo das nächste Ort liegt? Ich möchte eine Freundinnen besuchen aber hier gibt es weit und breit keine Schilder.“  „Oh liebes“, antwortete die Frau freundlich. „Dort drüben“ Frieda hob vom Alter zitternd ihre Hand und deutete über den Friedhof. „Du musst einfach nur einmal den Friedhof überqueren, dann findest du schon den Ortseingang vor.“ Lina nickte dankend. „Danke, äh, Frau…-?“ „Hollow, aber nenne mich einfach Frieda.“, sagte sie und ihre Augen glänzten herzlich. „Ja, natürlich. Danke, das war es auch schon.“ Lina nickte ihr nochmals zu bevor sie sich umdrehte und sich auf machte den Friedhof zu überqueren. Die Gräber waren kreuz und quer durcheinander vorzufinden und alles schien ohne jegliches Prinzip angelegt geworden zu sein. Lina schüttelte genervt den Kopf und trat weiter umher. Sie murmelte genervt vor sich hin „Was ist das eigentlich für ein beschissener Ort… Welcher Bürgermeister möchte ein Ort hüten dessen Eingang hinter einem Friedhof liegt? Verrückt“, sie lachte kurz, wobei es eher wie ein schnauben klang.

Auf einmal hörte Lina ein wimmern. Das Wimmern eines kleinen Kindes. Sie blieb stehen und hörte erneut um sicher zu gehen das es ein wimmern war. Ja war es, eindeutig. Sie blieb stehen und verdrehte genervt die Augen. Eigentlich hatte sie keine Lust jetzt zu schauen welches Kind da weinte aber würde sie jetzt einfach weitergehen wäre sie von einem schlechten Gewissen geplagt. Also folgte sie mit einem genervten Seufzen dem Klang. Nach wenigen Gräbern die sie passierte war das Wimmern schon laut, sie bog um eine Ecke und sah einen kleinen Jungen auf einem Grab sitzen, den Rücken an den Grabstein gelehnt. Er hatte das Gesicht in den Händen vergraben und seine Beine angezogen. Mit einem durchatmen versuchte Lina ein freundliches und nicht allzu genervtes Gesicht zu machen und trat neben den Jungen. Die kleinen Steinchen des Bodens vor dem Grab scharrten unter ihren Füßen aneinander und der Junge sah auf. Seine Augen waren gerötet vom vielen weinen und einige Tränen rannen noch über seine Wangen, ihm schienen wohl gerade die Milchzähne heraus zu fallen den zwei Zahnlücken fielen Lina direkt auf. Seine braunen Haare wirkten zerzaust, er trug ein viel zu großes Hemd auf eine ebenfalls viel zu große Hose. „Wer-wer bist du?“, schniefte er. „Ich bin Lina, und du?“ „Ich bin Timmy…“, er fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase und wischte sich Rotze aus dem Gesicht. Lina verzog angeekelt das Gesicht. „Wo sind deine Eltern, Timmy?“ „Zuhause…“, schluchzte er. „Ich-ich bin mit Oma hergekommen und jetzt-jetzt finde ich sie nicht mehr.“, erneut begann er zu weinen und Lina verdrehte erneut die Augen. Mit der ihr verständnisvollsten Stimme sagte sie: „Wie heißt den deine Oma?“ Timmy sah wieder zu ihr auf. „Sie heißt Frie-Frieda.“ Lina lächelte, hatte sie es sich doch gedacht. „Dann kannst du froh sein, ich weiß wo deine Oma ist, du musste einfach nur ganz nach vorne zum Tor gehen und-“, der Junge unterbrach sie. „Führst du mich zu ihr?“ Lina schwieg kurz ehe sie nickte. „Na gut, aber dann folge mir auch und hau nicht ab, okay?“ Timmy nickte mit großen Augen und sprang schon auf, so schnell wie die Tränen eben flossen bildete sich nun ein immer breiteres lächeln. Zufrieden lief er neben Lina her. Wie schnell Kinder doch ihre Stimmung ändern, dachte Lina und ging denselben Weg zurück denn sie eben kam. Einige Minuten traten sie zu dem Tor da packte Timmy Lina an der rechten Hand und zog sie nach vorne. „Da ist Oma ja! Da ist sie! Komm!“, rief er dazu und blickte Lina die kurz hinterherstolperte voller Glück an. „Oma Frieda!“, schrie er dann mit der grellen kindlichen Stimme das es Lina fast das Trommelfell zerriss. Lina stoppte und Timmy ließ sie los, er rannte einfach voran. Lina richtet ihre Kleidung kurz wieder bevor sie hinterher eilte. Doch sie sah Timmy einfach nicht mehr.

„Timmy?“, fragte sie zaghaft als es ihr unheimlich wurde. Das Grab mit den Rosen lag vor ihr doch weder Timmy noch Frieda standen dort. Ein seltsames Gefühl beschlich sie. „Timmy? Frieda?“, fragte sie doch es blieb still. Eine Windböe jagte über den Friedhof und Lina fröstelte es, sie verschränkte die Arme vor der Brust und blickte erneut in alle Richtungen. Das konnte doch nicht wahr sein! Die beiden konnten doch nicht so einfach schnell verschwinden! Eine eisige Kälte breitete sich aus. Eben war es doch noch relativ warm gewesen? Und auch nicht so, so dunkel…Lina schloss die Augen etwas als sie ein rascheln hörte. Das rascheln kam von dem Grab das Frieda eben gegossen hatte. Lina trat auf es zu und blickte zu den Rosen. Sie wirkten auf einmal seltsam tot. Verwelkt und grau zusammen geklebt hingen sie auf der Erde, nur die Dornen schienen noch zu glänzen. Lina blickte auf ihre Arme und erschrak. Da wo Timmy sie eben berührt hatte befand sich ein weißer Abdruck in der Haut. So fest hatte er doch gar nicht ihren Arm gehalten! Sie spürte wie sich alle Härchen aufrichteten, es war nicht der Abdruck von einer lebendigen Hand sondern der von dem Skelett einer Hand. Lina keuchte erschrocken auf. Ihre Augen hafteten sich wieder auf dem Grabstein fest und zum ersten mal las sie die Zeilen über dem Rosenbett. Eingraviert in dem Grabstein stand: Frieda Hollow. 1813-1882

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