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So vertraute Unbekanntheit

Es war schon dunkel als sie aus der Firma trat. Regentropfen prasselten ab und an auf ihr braunes Haar. Sie stand einen Moment so da, auf dem nassen Beton der Straße, dann lief sie zu der Bushaltestelle die nur wenige Meter von der Firma entfernt war. Zum Glück fuhr abends immer noch ein Bus in ihr Wohnviertel. Fast als wäre es auf ihr Kommen abgestimmt traf der Bus an der Haltestelle ein und sie trat mit einem leichten lächeln ein. Ihr Leben war perfekt. Von dem Verfolgungswahn der sie den Großteil ihres Lebens verfolgte war nichts mehr da. Sie wusste noch wie sie früher im Garten spielte, manchmal mit ihren recht wenigen aber dafür treuen und tollen Freundinnen. Damals lebte sie noch bei ihren Eltern auf dem Land. Ihr Grundstück grenzte an einem Wald. Tagsüber war es wunderschön doch seit dem Abend an dem es alles los ging traute sie sich nicht mehr in der Dunkelheit alleine in den Garten oder gar den Wald. Immer und immer wieder sah sie diese Gestalt, in einen Kapuzenmantel gehüllt, der regenabschirmend war. War es eine Frau oder ein Mann? Sie wusste es nicht wirklich, doch als sie es ihrer Mutter viele Jahre später, das war an ihrem 12 Geburtstag erzählte sagte sie ohne zu wissen was sie da redete es wäre eine Frau. Doch das Gesicht hatte sie nie gesehen. Die Gestalt war immer nur von hinten zu sehen. Vielleicht jagte ihr gerade das so Angst ein. Jedenfalls ging ihre Mutter mit ihr zum Arzt als sie es nicht schaffte dem Mädchen auszureden dass es diese Gestalt nicht gab. Der Arzt meinte jedoch sie solle lieber zu einer Psychologin gehen. Zu ihrem 14 Geburtstag hatten sie einen Termin bekommen. Ja, es dauerte lange, doch mehr Leute als gedacht suchten die Psychologen auf. Die Psychologin sagte sie leide unter Schizophrenie. Damals wollte sie es nicht glauben, aber das tat wie die Psychologin meinte jeder, denn für die leidenden sind die Dinge die sie sehen einfach real. Nur ein richtiger Psychiater könnte diese Art von Störung etwas bessern,  meinte sie dann und so gingen sie und ihre Mutter weiter zu einem Psychiater. Tatsächlich, hatte es aufgehört.  Sie sah die Gestalt nicht mehr im Geschäft an der Kasse stehen, nicht mehr auf der Straße spazieren gehen und auch die Spiegelungen im See an dem sie immer war verschwanden. Nichts. Die Gestalt die immer in einen braun-schwarzen Regenkapuzenmantel gehüllt war verschwand aus ihrem Leben. Jetzt kurz nach dem Beginn ihres 19. Lebensjahres hatte sie schon den Job in einer gutlaufenden Firma ein kleines aber sehr gut ausgestattetes Haus, für ihr Alter, in einer Kleinstadt und ein glückliches Leben. Sie musste von dem Land weg um keine Erinnerungen mehr an die Kapuzengestalt zu haben, erklärte ihr Psychiater, also zog sie mit 17 in die Stadt. Weg von ihrer Vergangenheit.

Sie atmete einmal die frische Abendluft ein und trat in den warmen hell erleuchteten Bus ein. Sie setzte sich auf einen freien Platz ans Fenster. Es war nicht mehr viel los heute, aber das lag an dem kühlen, feuchten Wetter. Sie ließ ihre Blicke schweifen und blickte durch die verregnete Scheibe des Buses nach draußen, die wenigen Leute eilten mit Regenschirmen oder eingezogenen Köpfen umher als wäre ein bisschen Regen der Weltuntergang. Sie musste Grinsen und wollte sich gerade zurück in den Sitz lehnen als sie jemanden sah. Eine Person in einen Kapuzenregenmantel gehüllt. Sie schreckte sofort zum Fenster vor und blickte hinaus auf die Gegenüberliegende Seite der dreispurigen Straße. Da war eine Gestalt gewesen. Doch sie war schon um eine Ecke gebogen ehe sie sich sicher sein konnte. Sie rief sich das Bild das sie gesehen hatte von der Gestalt sie sie früher verfolgte wieder ins Gedächtnis. Nein nicht irgendeine Gestalt, diese Gestalt! Immer mit der Ruhe, ganz ruhig, sprach sie sich in Gedanken zu. Du hast dich geirrt, da ist irgendein Mensch gewesen, diese Kapuzenregenmantel gibt es in jedem zweiten Geschäft! Sie suchte erneut mit leicht zusammengekniffenen Augen die Außenwelt ab. Nein, sie war nicht mehr da, die Gestalt. Es dauerte einige Sekunden bis sie sich dessen klar war und sich zurück lehnte. Kurz darauf erkannte sie in der Ferne schon ihre Endhaltestelle. Sie atmete einmal tief durch und stand dann auf, hielt sich an der Stange fest und nach dem kurzen Rütteln jedes Buses der anhielt stieg sie aus. Ein Schauer lief ihr über den Rücken als sie die kalte Luft im Gesicht spürte. War es in diesen zehn Minuten so erstaunlich kälter geworden? Sie schüttelte den Kopf und eilte zu ihrer Wohnung.

Als sie aufgeschlossen hatte und durch die Tür eintrat seufzte sie erleichtert auf. Endlich, alles hell und warm. Sie knipste das Licht an und schmiss ihre Tasche in die Ecke. Dann fuhr sie sich durch die leicht genässten Haare und bog um die Ecke aus dem Wohnzimmer in die Küche. Sie schaltete auch das Küchenlicht an und ging zum Kühlschrank. Sie nahm sich einen Jogurt und zog die Schubblade neben dem Kühlschrank heraus, sie griff nach einem Löffel und schloss sowohl Kühlschrank als auch Schubblade. Plötzlich flackerte das Licht und fiel kurz darauf ganz aus. Sie starrte irritiert zu dem Kühlschrank und öffnete ihn wieder, dort ging das Licht ebenfalls nicht an. Stromausfall! dachte sie in der nächsten Sekunde seufzte nahm Jogurt und Löffel in eine Hand. Dann drehte sie sich um und erstarrte. Mit dem Rücken zu ihr gewandt stand ihr gegenüber die Kapuzenregenmantelgestalt! Mit dem Blick zur noch geöffneten Tür gewandt stand sie da. In diesem Mantel der ihr so vertraut war, doch sie hatte diese Gestalt doch so lange nicht gesehen! Wie konnte das sein?! Diese Gestalt war nicht real, das war wegen ihrer Schizophrenie! Es durfte nicht wieder anfangen! Redete sie sich ein. Aber was wäre wenn…diese Gestalt doch da war und bloß sie sie sah und die anderen eine Krankheit hatten? Schnell verwarf sie diesen Gedanken wieder. Ihre Hände krallten sich in den Jogurt-Becher und der Löffel klebte an ihren zitternden Händen. Das ist nicht real, schau weg, redete sie sich innerlich ein doch etwas in ihr war davon überzeugt dass diese Gestalt nicht nur wegen ihrer Schizophrenie da war, diese Gestalt atmete genauso, das konnte sie schwören ohne es wirklich zu wissen, aber doch! Sie wusste es! In der nächsten Sekunde war sie wieder davon überzeugt das es alles nur erfunden sei. So stritten sich ihre Gedanken. Würde sie doch wenigstens das Gesicht und die Vorderseite dieser Kapuzenregenmantelgestalt sehen. Doch das tat sie nicht. Aber wenn sie näher gehen würde könnte sie die Kapuze hinunter ziehen so würde sie vielleicht das Gesicht sehen und wenn sie nichts fühlen würde war es ihre Schizophrenie, andererseits hatte ihr Psychiater gesagt Leute mit dieser Störung konnten die Menschen auch berühren wenn sie gar nicht da waren… Wie lange stand sie jetzt schon überlegend da? Eine Minute? Fünf Minuten? Ihre braunen Augen bohrten sich in die Gestalt und ihre Finger krallten sich nervös in Becher und Löffel. Vorsichtig hob sie einen Fuß an und ging einen Schritt auf die Gestalt die ihr nun in etwa 2 Metern Abstand gegenüber stand zu. Sie schluckte und zitterte immer noch mit den Fingern, ihr Herz pochte und schien flüchten zu wollen. Oh ganz bestimmt wollte es das! Aber ihr Kopf wollte wissen was diese Gestalt war, ob sie lebte oder Vorstellung war und ob sie ein Gesicht hatte! Sie ging weiter immer weiter auf die Gestalt zu. Dann stand sie so dicht an ihr, nah genug um sie berühren zu können. Sie hob ihren Arm und bewegte ihre freie Hand auf die Schulter der Gestalt zu. Vorsichtig und wie in Zeitlupe führte sie ihre Finger näher. Ihr Atem beschleunigte sich und sie wollte weg. Einfach nur weg von diesem Ort, dieser Gestalt. Doch dann fasste sie. Ihre Hand legte sich auf die Schulter der Gestalt. Sie konnte die Gestalt berühren, doch das klärte nicht ob sie wirklich da war. In dem Moment in dem ihre Finger die Schulter berührten bewegte sich die Gestalt. Sie wippte etwas zur Seite und drehte sich dann langsam um. Unter der Kapuze die der Gestakt tief ins Gesicht hing erkannte sie eine Haarsträhne, sie spürte ihre Nervosität im ganzen Körper, diese Haare waren ihr so vertraut. Nun stand sie mit der Vorderseite des Körpers zu ihr gedreht. Langsam hob sie Kapuzengestalt ihre verdeckten Arme und zog die Kapuze so weit zurück das man das Gesicht erkannte. Als sie das Gesicht der Gestalt sah öffnete sie den Mund um zu schreien, doch kein Ton verließ ihre Kehle. Sie konnte nicht glauben wessen Gesicht dort unter der Kapuze steckte! Braune Augen, braune Haare. Sie wollte es nicht glauben, doch es war so. Sie blickte in ihre eigenen Augen, die Kapuzengestalt war sie selbst. Immer sie selbst gewesen und jetzt stand sie sich selbst gegenüber.

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